Sensburg – Gertruda Turek – zwischen Heimat und Familie

Sensburg – Gertruda Turek – zwischen Heimat und Familie

Das Eigene schätzen lernen

Zum kalendarischen Ende des Sommers am 21. September widmeten sich die Mitglieder der deutschen Minderheit „Bärentatze“ den literarischen Werken eines ihrer ehemaligen Mitglieder. Gertruda Turek Just hat zeit ihres Lebens kurze Texte verfasst, die den Gefühlen zu ihrer Heimat in all ihren Facetten und zu ihrem Vaterland Ausdruck verleihen. 

Vor einigen Jahren, kurz vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie, stieß der Vorsitzende der „Bärentatze“, Sebastian Jabłoński. in einem Regal im Sitz der Gesellschaft auf einen Ordner, in dem die Texte von Gertruda Turek Just gesammelt waren. Auf dieser Grundlage entstand in Absprache mit Gertrudas Tochter Sabina die Idee, das Werk von Frau Turek Just den Mitgliedern und Freunden der Gesellschaft vorzustellen. Gleichzeitig begann ihr in Deutschland lebender Sohn Henryk Turek, die Gedichte ins Polnische zu übertragen, in sogenannte „weiße Poesie“, die ohne Übernahme der äußeren Form den Inhalt vermitteln will.

Passend zu dem literarischen Nachmittag, der im Rahmen des Projekts „LernRAUM.pl“ veranstaltet wurde, das aus Mitteln des bundesdeutschen Ministeriums des Inneren und für Heimat finanziert wird, hatte Lech Kryszałowicz sich in der Septemberausgabe der Monatsschrift in der Reihe „berühmte Kinder unseres Ostpreußens“ dem Kunstmaler und Tierschriftsteller Otto Boris aus Masuren (1887-1957) gewidmet. Dieser verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens allerdings in den westlicheren Regionen des damaligen Deutschen Reichs. Die am 24. Mai 1926 in Alt Allenstein geborene Gertruda Turek Just wanderte erst 56 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aus, fühlte sich allerdings zerrissen zwischen der Heimat in Sensburg, Ostpreußen und dem Vaterland Deutschland.

Diesem Gefühl entsprechend gab Henryk Turek seiner unlängst veröffentlichten deutsch-polnischen Ausgabe ihrer Gedichte mit biographischen Anmerkungen den Titel „Mein Vaterland, meine Heimat, mein Leben oder eine Fahrt auf zwei auseinanderdriftenden Booten“, wobei er Heimat als Kraina Młodości (Land der Jugend) übersetzte. Bei dem seiner Mutter gewidmeten Nachmittag in Sensburg war er digital zugeschaltet und berichtete mit seiner Schwester Sabina, die direkt vor Ort war, darüber, wie sie ihre Mutter erlebt hatten. Die Einleitung zum Treffen sowie die Moderation des biographischen Teils übernahm Uwe Hahnkamp von der Radiosendung der deutschen Minderheit „Allensteiner Welle“, der im dritten Teil gemeinsam mit Sebastian Jabłoński die Werke von Gertruda Turek Just auf Deutsch und Polnisch vortrug.

Eins davon besingt die neu gegründete Gesellschaft „Bärentatze“, doch die meisten Gedichte sind den Schönheiten ihrer Stadt Sensburg gewidmet, dem Schoßsee/jezioro Czos, an dem sie liegt, sowie der Natur und den wechselnden Jahreszeiten in Ostpreußen. Deren Beschreibung verknüpft sie nicht selten – wie das „Land der dunklen Wälder“ – mit dem Begriff der Heimat, die sie nicht loslässt. Auf der anderen Seite ist das Vaterland, Deutschland, wohin sie zur Familie oder auf Besuch fährt – und dann trotz des erfüllten Wunsches, dort zu sein, feststellen muss, dass ihre Heimat ihr so fehlt, dass sie unbedingt wieder dorthin muss. Befreit von diesem Zwiespalt wurde Gertruda Turek Just erst mit ihrem Tod am 4. Oktober 2009 – ihr Grabstein trägt eine Zeile aus ihrem Gedicht „Herbst 1995“: …jetzt gibt es nur noch Träume…