Elbing – Große Krise in der Gesellschaft 

Elbing – Große Krise in der Gesellschaft 

Ist das schon das Ende?

Die Elbinger Gesellschaft der Bevölkerung deutscher Herkunft von Stadt und Land Elbing durchlebt eine tiefe Krise. Die größte seit Beginn ihrer Existenz. Endet sie mit der der Auflösung der Organisation? 

Die letzte Jahresversammlung der Mitglieder der Gesellschaft der deutschen Minderheit in Elbing fand am 29. März statt. Es ist möglich, dass das wirklich die letzte war. Auf dieser Versammlung fassten ihre Mitglieder nach langer Diskussion trotz des Willens auf Fortsetzung der Tätigkeit jedoch den Beschluss, sie aufzulösen. Warum? 

Der Grund ist ähnlich wie der in vielen anderen Gesellschaften: es gibt niemanden, der den Posten des Vorsitzenden übernehmen will. 

– Ich habe mit vielen Personen gesprochen, damit sie nach mit die Leitung der Organisation übernehmen, aber niemand wollte sich darauf einlassen. Alle reden sich entweder mit dem Fehlen von Zeit oder mit zu schwacher Kenntnis der deutschen Sprache heraus. Der/die Vorsitzende muss tatsächlich ziemlich viel Zeit für die Aktivität aufbringen und sollte entweder selber gut Deutsch können, oder jemanden zur Hand haben, der das tut. Viele Dokumente muss man in dieser Sprache ausfüllen, und das ist nicht so einfach, denn diese Dokument enthalten für uns unverständliche amtliche Formulierungen. Zusätzlich wird die ganze Buchhaltung jetzt elektronisch geführt und man sollte sich mit Computern auskennen, erklärt die Vorsitzende Róża Kańkowska.

Und deswegen fassten die Teilnehmer der Jahresversammlung auch trotz des Willens zur weiteren Existenz den Beschluss zur Auflösung der Gesellschaft. Auf dieser Versammlung anwesend war Henryk Hoch, der Vorsitzende des Verbands der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren.  

– Ich habe den Versammelten gut zugeredet, das nicht zu machen, aber vergebens… Es gelang mir nur, sie davon zu überzeugen, die Umsetzung dieses Beschlusses zeitlich zu verschieben. Möglicherweise entscheidet sich noch jemand. Außerdem bleibt noch die Frage des Sitzes der Gesellschaft und ihres Vermögens zu lösen. Das sind ernste Angelegenheiten, und man muss an sie nach der Satzung und den Vorschriften herangehen, damit niemand später deswegen Schwierigkeiten bekommt. Es tut mir um Elbing leid, denn das ist eine aktive Organisation und bei ihr hat immer alles gut funktioniert, informiert Henryk Hoch.

Die Gesellschaft in Elbing entstand am 3. April 1990. Sie zählt momentan 70 Mitglieder, aber in ihrer besten Zeit waren es 400. Einen eigenen Sitz erreichte sie nach 10 Jahren Existenz. Diesen hat ihr die Gesellschaft „Truso“ in Deutschland finanziert, die aus ehemaligen Elbingern besteht. Vorsitzender war damals der inzwischen verstorbene Jürgen Schuch. Dieser Sitz ist 100m² groß und setzt sich aus einem großen Veranstaltungssaal, einem Büroraum und einer Küche zusammen. Die erste Vorsitzende der Organisation war Hilda Sucharska. Im Jahr 2009 machte sie Platz für Róża Kańkowska, die damalige Vizevorsitzende. Die ganze Zeit über treiben die Frauen, die ein eingespieltes Duo sind, die Gesellschaft an. Ihre starke Seite ist die kulturelle Aktivität und die Pflege der Erinnerung an Elbing und seiner Einwohner. Seit vielen Jahren ist die Gesellschaft mit der Dittchenbühne verbunden, dem Theater aus Elmshorn in Deutschland, das jedes Jahr mit einer Unterbrechung während der Pandemie ein neues Stück zeigt. Typische Gelegenheiten die den Frauentag feierte die Gesellschaft immer besonders, z.B. mit einem Ausflug ins Museum, eine Galerie, zu einer Ausstellung oder einer Rezitation von Gedichten über Frauen oder einem Vortrag über Mode von einst. Der Fette Donnerstag war in Elbing z.B. Gelegenheit für einen Vortrag zur kulturellen Bedeutung und  den Wandel des Krapfen oder des Mohnkuchens. Die Organisation hat auf ihrem Konto auch unkonventionelle Vorträge wie die Vorstellung herausragender deutscher Frauen. Elbing hat niemals den Tag der deutschen Einheit vergessen. Er war eine Gelegenheit für Quizze und Wettbewerbe zu diesem Land. Drüber hinaus belebte sie in Elbing die Tradition der Adventsmütterchen wieder. Eine ihrer wichtigsten Verdienste ist, dass sie den Elbingern bewusst gemacht hat, was sie die Stadt Ferdinand Schichau und Franz Komnick verdankt – Industrielle, die die Stadt zum wichtigsten Industriezentrum in Westpreußen gemacht haben. Dank der Gesellschaft hat Schichau eine Gedenktafel und eine Straßenbahn mit seinem Namen. Die Gesellschaft ist auch Wächter der Erinnerung an die Mennoniten, die das Werder trockengelegt haben. In der Pflege der Geschichte arbeitet die Organisation mit dem Elbinge Historiker Lech Słodownik, der auf dem Friedhof die Gräber der Großeltern von Angela Merkel, der ehemaligen Kanzlerin von Deutschland und eine Photographie von Ferdinand Schichau gefunden hat. Früher wurde angenommen, dass seine Photographien nicht erhalten geblieben sind. Die Gesellschaft arbeitet auch eng mit Elbinger Schulen zusammen – der katholischen Grundschule und der beruflichen Hochschule.

– Die Arbeit mit Jugendlichen hat mir die größte Freude gemacht, besonders, wenn ich das Engagement von ihrer Seite, das Interesse an der Geschichte der Stadt gesehen habe, erinnert sich Róża Kańkowska.

Die Chronik der Organisation, die sie von Anfang an führt, ist dick und voller interessanter Einträge. 

– Mir tut das Herz weh, wenn ich daran denke, was jetzt geschieht, sagt Róża Kańkowska. 

Wird die Elbinger Organisation das Schicksal der Gesellschaften in Preußisch Holland, Treuburg, Rößel, Braunsberg, Goldap und Deutsch Eylau teilen?