Das Wetter war wie bestellt. Einige Menschen hat die Hitze möglicherweise abgeschreckt, denn es war von der Zuschauerzahl her kein Rekordfest. Es war dafür sehr sympathisch und eine wenig anders als die vorherigen.
Das Fest fand am 25. Juni im Amphitheater des Freilichtmuseums in Hohenstein statt. Es war anders, denn zum ersten Mal nahmen daran Gäste aus der Ukraine und Vertreter des Verbands der Ukrainer in Polen teil, und es sang die junge, sehr talentierte Künstlerin Maria Prytuła aus Saporischschja, die das Publikum verzauberte. Auch widmeten viele offizielle Gäste, die das Wort ergriffen, dem Krieg in der Ukraine viel Platz in ihren Auftritten und verurteilten die Aggression Russlands.
Das Fest begann mit einem ökumenischen Gottesdienst, den der katholische Pfarrer Sławomir Piniaha aus Hohenstein und der evangelische Pastor Witold Twardzik aus Passenheim zelebrierten. Das Ereignis eröffnete Henryk Hoch, der Vorsitzende des Verbands der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren.
Stephan Grigat, der Vorsitzende der Landsmannschaft Ostpreußen in Hamburg, der an allen wichtigen Ereignissen der deutschen Minderheit in unserer Region teilnimmt, war wie immer sehr sachlich. Er versicherte, dass die Landsmannschaft Ostpreußen durch ihre Kontakte mit deutschen Politikern bei der Lösung der Krise zur Begrenzung der Stundenzahl von Deutsch als Minderheitensprachen an polnischen Schulen von drei auf eine Stunde pro Woche helfen wird. Sie wird sich auch darum bemühen, dass es im deutschen Bundeshaushalt für 2022, der im Juni noch nicht abgesegnet war, nicht an Geld für die deutsche Minderheit fehlen wird.
Außer Stephan Grigat nahmen an dem Fest auch andere wichtige Gäste teil, u.a. Jarosław Słoma, der Vorsitzende der Kommission für nationale Minderheiten beim ermländisch-masurischen Landtag, Konsulin Birgit von Hellfeld vom Kulturreferat des Generalkonsulats der Bunderepublik Deutschland in Danzig, Teresa Astramowicz-Leyk, Abgeordnete zum Landtag, Burkhard Gieseler, der Vorsitzende der Kreisgemeinschaft Osterode, Antoni Wojda, der Vorsitzende des Rats von Stadt und Gemeinde Hohenstein, Tomasz Starowieyski, der stellvertretende Bürgermeister von Hohenstein, es war eine Delegation der Gesellschaft der deutschen Minderheit aus Graudenz da und wie immer seit 30 Jahren eine große Delegation von Landsleuten aus Mecklenburg-Vorpommern unter der Leitung der unermüdlichen Manfred Schukat und Friedhelm Schülke. Leider waren trotz Einladungen keine regionalen Meiden erschienen. Das ist nicht das erste Mal.
Das Fest ist wie Immer eine Schau der Aktivitäten des künstlerischen Umfelds: wir feiern im eigenen Kreis, wir nutzen dafür unsere eigenen schöpferischen Kräfte. In diesem Jahr traten also die Chöre der Gesellschaften der deutschen Minderheit in Neidenburg, Lötzen und Heilsberg, die Regionaltanzgruppe „Saga“ aus Bartenstein, die Gesangs- und Tanzgruppe „Perła Warmii“ aus Heilsberg, Wiktoria Krzenzek aus Ortelsburg sowie der Chor aus Anklam in Mecklenburg-Vorpommern auf. Einige Lieder sang auch Magdalena Lobert aus Schönbrück, die im Jahr 2016 den Wettbewerb des deutschen Liedes in Osterode gewonnen hatte. Sie sang und begeisterte das Publikum. Was macht Magdalena jetzt?
– Ich studiere Germanistik und Jura an der Universität Warschau.
Die Zukunft verbindet sie nicht mit dem Gesang, aber sie bricht auch nicht damit. Am zweiten Juli sang sie auf einem Konzert in Dietrichswalde als Support vor dem bekannten polnischen Sänger Stanisław Soyka.
Magdalena übersetzt zur Zeit das Buch von Hans Graf von Lendorff „Menschen, Pferde, weites Land“ ins Polnische .
Das Fest leiteten Monika Krzenzek und Uwe Hahnkamp.
Einer der Teilnehmer des Festes war Reinhold Beuth aus Belm im Kreis Osnabrück. Bis in die späten 70er Jahre wohnte seine Familie in Birkenhof in der Gemeinde Groß Purden, unweit von Allenstein. Für ihn war die Teilnahme am Fest und der Besuch im Freilichtmuseum doppelt sentimental. Unweit vom Amphitheater erhebt sich nämlich das Haus seiner Großeltern, das von Kalborn herüber transportiert wurde, wo es ursprünglich stand.
– Das Haus sieht von außen genau so aus, wie damals, als es in Kalborn stand, aber das Innere ist schon anders. Vor dem Haus steht eine Kapelle. In Kalborn war das auch so, aber ich kann mich nicht erinnern, ob es dieselbe war. Das Eckzimmer mit dem Fenster zur Kapelle hatte Oma Agata Beuth. Das war der beste Raum, gerade weil es den Blick auf die Kapelle hatte, erinnert sich Reinhold.
In diesem Haus wurde Reinholds Vater geboren und wuchs dort auf. Er wohnte darin, bis er heiratete und nach Birkenhof umzog.
– Ich habe viele Male darin übernachtet, und jetzt stelle ich mit Bedauern fest, dass ich nicht weiß, wer es wann gebaut hat, und wie lange es in unserer Familie war. Und fragen kann man schon niemanden mehr. Wenn ich in die Heimat gefahren bin, habe ich immer Kalborn besucht und dieses Haus im Freilichtmuseum. Etwas drückt mir dann immer das Herz zusammen. Im Haus waren wir sechs Geschwister, aber nur ich bin so sentimental, erzählt Reinhold.
Speziell zum Fest aus Deutschland aus Meinerzhagen gekommen war der 88-jährige Herbert Monkowski. Als er 1966 aus Allenstein nach Deutschland auswanderte, sagte er sich, dass er seinen Fuß wegen hässlicher Erlebnisse nach dem Krieg nicht mehr an diesen Ort setzen wird. Der Kriegszustand änderte jedoch seine Einstellung zu den Polen und er organisierte für sie Hilfe, und danach hatte er gemeinsam mit seiner Frau Helga sogar lange Jahre in Allenstein eine Wohnung und war hier oft und lange.
– Meine Frau lebt schon acht Jahre nicht mehr, ich bin allein geblieben, also habe ich beschlossen, mich in diesem Jahr von zuhause loszureißen, in die alte Heimat zu fahren und zu sehen, wen ich hier noch treffen kann, erklärt er die Motive seines Kommens. Und wie sich zeigte, traf er schon nach kurzer Zeit Bekannte von Bekannten.
Am Fest nahmen sicher 700 Personen teil, denn so viele Karten für das Essen wurden ausgegeben. Mit Sicherheit waren es aber mehr Menschen, denn viele Personen kamen auf eigene Faust, und sehr viele verbargen sich in den Büschen, weil es dort schattig war, und im Zuschauerraum – eine Glut wie in einer Pfanne.
Organisator des Festes war der Verband der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren. Finanziert haben es das Ministerium für Inneres und Verwaltung in Warschau, das Marschallamt in Allenstein und das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Danzig.
