Stellungnahme des Vorstandes des VdG in Polen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes

Stellungnahme des Vorstandes des VdG in Polen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes

VdG
Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen
Związek Niemieckich Stowarzyszeń Społeczno-Kulturalnych w Polsce

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Oppeln, den 08.05.2020

„Der Krieg zeigte klar, dass vom Leiden und Schmerz Menschen aller Nationalitäten betroffen waren und von der Erinnerung daran niemand ausgeschlossen werden sollte.” (aus der Resolution zur Erinnerung an den 80. Jahrestag des Ausbruches des 2. Weltkrieges – Rat des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen)  

Zum 75. Jahrestag des Kriegsende

Stellungnahme des Vorstandes des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen

Vor 75 Jahren wurde am 8. Mai 1945 der 2. Weltkrieg offiziell beendet. Aufgeweckt wurde die Idee Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden. Man machte alle Anstrengungen, wieder friedliches Leben trotz Schmerz und Leiden zu führen, von denen Abermillionen von Menschen vieler Nationalitäten betroffen waren. Die nach dem Krieg durchgeführten Grenzverschiebungen und die vereinbarten Einflusszonen zwischen den Siegermächten, hatten jedoch nicht nur die Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang, aber auch Vertreibungen und Umsiedlungen von Millionen Menschen aus ihrer Heimat zur Folge. Länder des deutschen Ostens: Schlesien, Pommern, Ostpreußen wurden zu West- und Nordgebieten Polens. In diesen Ländern trafen Polen, die größtenteils gezwungen waren, ehemalige polnische Ostgebiete Polens zu verlassen und der kleine Rest der deutschen Bewohner aufeinander, die durch verschiedene Entscheidungen und durch das wechselvolle Schicksal hier geblieben sind.  Das war keine einfache Begegnung, weil in den ersten Jahren die Deutschen entrechtet und Schikanen ausgesetzt waren.

Schon vor einem Jahr rief der Rat des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, in dem Organisationen der deutschen Minderheit vereint sind, in seiner Resolution zum Jahrestag des Ausbruchs des tragischen Krieges dazu auf, beim Gedenken der Abermillionen von Kriegsopfern und der Opfer des NS-Deutschlands auch die Leiden der Millionen Vertriebenen und der in der von Deutschland abgetrennten Heimat Zurückgebliebenen einzubeziehen. Wir möchten der unschuldigen Zivilopfer im Geiste des christlichen Gebetes und mit Nachdenklichkeit neben den Gefallenen an allen Fronten, auch der zu Tode gefolterten Opfer der Konzentrationslager und der Gulags, der Opfern der Kriegsgefangenenlager, des Terrors während der Besatzung, der Rassenpolitik und der vielen anderen Opfer von verschiedenen Formen der Verfolgungen und Repressalien gedenken.

Dem Gedanken treu und in Anbetracht der Tatsache, dass die auf Mai 2020 geplante Versammlung des Verbandsrates wegen der herrschenden Pandemie nicht stattfinden darf, möchte sich der Vorstand des Verbandes namens der ganzen deutschen Gemeinschaft in Polen bei all denjenigen bedanken, die durch ihren Einsatz für den Frieden dazu beigetragen haben, dass nach Jahren der Diskriminierung die Wahrheit über Leiden der Zivilbevölkerung in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen und der in Grenzen der II. Republik Polen lebenden deutschen Volksgruppen ins gesellschaftliche Bewusstsein vorgedrungen ist. Zusammen mit ihnen möchten wir gedenken:

– der Ermordeten, Verstorbenen und Verschollenen in ihrer Heimat wie auch bei Flucht und Vertreibung

– der Opfer der nach dem Krieg in den ehemaligen NS-Lagern und Gefängnissen eingerichteter so genannten Arbeits- und Internierungslager,

– der Verschleppten und der Opfer der Zwangsarbeit im schlesischen Kohlenbergbau und in der UdSSR und in anderen Orten,

– der sowohl um ihr Hab und Gut als auch ihrer Arbeitsplätze beraubten Menschen.

 Den Bemühungen dieser Menschen haben wir zu verdanken, dass die Namen wie Lamsdorf,  Lager Zgoda in Schwientochlowitz, Potulitz, Sikawa bei Lodz und viele andere auch schon mit den Nachkriegsterror gegen unsere Vorfahren im Zusammenhang gebracht werden. Gedenktafeln in Kirchen, auf Friedhöfen und an anderen Orten haben solche Tragödien wie der Tod auf dem Grund der Ostsee von Zehntausenden Flüchtlinge in den versenkten Schiffen „Wilhelm Gustloff“, „Goya“ und „Steuben“ vor dem Vergessen bewahrt. Seit 30 Jahren bemühen sich darum Organisationen und Mitstreiter der deutschen Minderheit, die oft den Widersand der Gesellschaft überwinden mussten. Wir bedanken uns bei allen polnischen Historikern und Heimatforschern, die diese oft rechtfertigten, bewusst verschwiegene, verbannte und sogar verfälschte Tragödie von Tausenden deutschen Familien entdeckten, beschrieben und der Vergessenheit entrissen haben. Die meisten Orte, Tragödien und ihre Opfer bleiben immer noch unbekannt und deshalb erinnern wir an die Resolution des Verbandsrates, des größten Vertreters der deutschen Minderheit in Polen,  http://vdg.pl/de/portal/aktuelles/kultur/item/4945-resolution-bez-zweiter-weltkrieg und wenden uns an alle mit der Bitte, diese zu dokumentieren und vor dem Vergessen zu bewahren. Die Opfer sterben in Wirklichkeit unwiederbringlich erst dann, wenn sie der Vergessenheit anheimfallen.

Beim Erinnern möchten wir nicht die Jahrzehnte der sprachlichen und kulturellen Diskriminierung der in der Volksrepublik Polen nicht anerkannten Gemeinschaft der deutschen Schlesier, Pommeraner, Kaschuben, Ermländer oder Masuren vergessen. Die Diskriminierung wurde noch nicht vollständig überwunden und die Anstrengungen der Staaten und der internationalen Organisationen, zu denen man sich bereit erklärte, sind immer noch unzulänglich lassen die deutsche Minderheit in die Zukunft nicht ohne Sorge um eigene Sprache und kulturelle Identität schauen.

Wenn wir am Jahrestag des Kriegsendes auch an die Nachkriegsopfer und ihr Schicksal erinnern, sind wir weit davon entfernt, die Verantwortung für den 2. Weltkrieg zu relativieren. Wir sind gleichzeitig davon überzeugt, dass die Erinnerung an den Krieg und die Kriegsfolgen, wenn sie niemanden ausklammert, fördern Frieden und Eintracht. Man lernt dabei, dass noch lange Zeit nach Kriegsende Gewalt und Hass ihre tiefen Spuren hinterlassen. Damit man aus der Geschichte überhaupt lernen kann, muss man sie lernen und beim Erzählen nichts verschweigen.

Bernard Gaida

Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen